Buchpräsentation „Jüdisches Burgenland“ als Beitrag zu Erinnerung, Bildung und Aufklärung

Landesrat Heinrich Dorner mit IKG-Vizepräsidentin Claudia Prutscher, Autorin Margaretha Kopeinig, der Historikerin und Direktorin des Jüdischen Museum Wien Barbara Staudinger und Benedikt Föger, geschäftsführender Gesellschafter Czernin Verlag, bei der Buchpräsentation im Jüdischen Museum in Wien
Diskutierten über das jüdische Burgenland (v.l.): Moderatorin Barbara Tóth, Landesrat Heinrich Dorner, Historikerin und Direktorin des Jüdischen Museum Wien Barbara Staudinger, IKG-Vizepräsidentin Claudia Prutscher und Autorin Margaretha Kopeinig
Diskutierten über das jüdische Burgenland (v.l.): Moderatorin Barbara Tóth, Landesrat Heinrich Dorner, Historikerin und Direktorin des Jüdischen Museum Wien Barbara Staudinger, IKG-Vizepräsidentin Claudia Prutscher und Autorin Margaretha Kopeinig

LR Dorner: „Müssen mehr tun, als lediglich Erinnerungskultur zu pflegen. Soziale Gerechtigkeit ist ein zentraler Faktor, um gesellschaftlicher Spaltung entgegenzuwirken“

Die Geschichte des jüdischen Lebens im Burgenland, seine Zerstörung und die Bedeutung des Erinnerns und der Bildung standen gestern, Dienstabend, im Mittelpunkt der Präsentation des Buches „Jüdisches Burgenland. Begegnung mit einer zerstörten Kultur“ der Journalistin und Autorin Margaretha Kopeinigg im Jüdischen Museum Wien. Gemeinsam mit der Autorin diskutierten Landesrat Heinrich Dorner, die Vizepräsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), Claudia Prutscher, wie auch die Historikerin und Direktorin des Jüdischen Museums Wien, Barbara Staudinger, über die historische Verantwortung und die Herausforderungen zeitgemäßer Erinnerungskultur.

Das im Czernin Verlag erschienene Buch führt zu den bedeutendsten Orten des einst blühenden jüdischen Lebens im Burgenland und eröffnet zugleich neue Perspektiven für das Gedenken in der Gegenwart. Im Mittelpunkt stehen die sieben historischen jüdischen Gemeinden des Landes, deren Geschichte über Jahrhunderte hinweg das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Region prägte.

Jüdinnen und Juden prägten über Jahrhunderte hinweg das kulturelle und gesellschaftliche Leben im Burgenland. 1938 wurden sie über Nacht vertrieben, enteignet, zur Flucht gezwungen oder in der Shoah ermordet. „Wie sehr die jüdische Geschichte das Burgenland geprägt hat, war auch mir lange Zeit nicht bewusst“, schilderte Kopeinig. Erst durch ihre berufliche Tätigkeit im Burgenland habe sie die Dimension dieses Erbes erkannt. Ein weiterer Beweggrund für das Buch war die zunehmende Verbreitung von Antisemitismus und rechtsradikalen Straftaten. Deshalb sei die Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte des Burgenlandes dringlicher denn je. „Wir brauchen Information, Aufklärung, Bildung und einen lebendigen Diskurs. Was einmal war, kann wieder kommen“, mahnte die Autorin. Es brauche Sensibilität und Wachsamkeit gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen, die Ausgrenzung und Hass begünstigen.

Landesrat Heinrich Dorner, der im burgenländischen Lackenbach geboren wurde und dort lebt, verwies auf seine persönliche Verbindung zum Thema. Lackenbach, das zu den sieben jüdischen Gemeinden zählt, die im Buch porträtiert werden, sei nicht nur Standort eines großen Anhaltelagers für Roma und Sinti gewesen. „Weniger bekannt ist, dass sich im Ort auch der größte jüdische Friedhof des Burgenlandes befindet“, sagte Dorner. Schon als Kind habe ihn die Geschichte des Ortes beschäftigt. „Ich habe an Gedenk- und Erinnerungsveranstaltungen teilgenommen. Später war ich im Gemeinderat tätig. Die Gemeinde Lackenbach setzt bis heute in Abstimmung mit der IKG mit der Pflege des jüdischen Erbes im Ort auseinander.“

Die vergangenen Jahre hätten ihm gezeigt, wie wichtig die Arbeit von Historiker:innen, Wissenschaftler:innen und Journalist:innen sei, so der Landesrat „Es kann nicht genug Bücher zu diesem Thema geben. Es gibt noch viel aufzuarbeiten und noch viel zu tun“, so Dorner. Als Beispiel nannte er eine aktuelle wissenschaftliche Arbeit, die zeige, dass viele Menschen in Lackenbach kaum über die jüdische Geschichte ihres Heimatortes Bescheid wüssten. „Dabei ist das unsere Geschichte. Das zeigt mir, dass es weiterhin ganz viel Aufklärung braucht.“

Kopeinig sprach von der Notwendigkeit von Information, Bildung und einem lebendigen gesellschaftlichen Diskurs. „Die aktuellen Entwicklungen weltweit führen vor Augen, wie rasch demokratische Gesellschaften unter Druck geraten können.“ Autoritäre Tendenzen nähmen zu, rechtsgerichtete Politik erfahre in vielen Ländern wachsenden Zuspruch. Deshalb müsse insbesondere in Bildungseinrichtungen verstärkt über Antisemitismus, dessen Erscheinungsformen und den Umgang damit gesprochen werden – nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen immer kleiner werde.

Mit Blick auf aktuelle politische Entwicklungen warnte Dorner davor, die Ursachen gesellschaftlicher Radikalisierung zu vereinfachen. Man müsse mehr tun, als lediglich Erinnerungskultur zu pflegen. „Wenn ich den Rechtsruck weltweit sehe, sollten wir die Schuld nicht nur bei den Rechtsparteien suchen. Vielmehr müssen sich auch jene Menschen hinterfragen, die zu wenig dagegen unternehmen. Wir wissen alle, wie Populismus und Propaganda funktionieren. Wir müssen vielmehr fragen, warum populistische Botschaften Resonanz finden. Soziale Gerechtigkeit ist dabei ein zentraler Faktor, um gesellschaftlicher Spaltung entgegenzuwirken. Wir müssen verhindern, dass Situationen entstehen, in denen Menschen nach Sündenböcken suchen“, sagte der Landesrat.

Claudia Prutscher erinnerte daran, dass es heute zwar einzelne Jüdinnen und Juden im Burgenland gebe, jedoch kein organisiertes jüdisches Leben mehr. Gleichzeitig seien zahlreiche Orte Zeugnisse der einst lebendigen jüdischen Kultur. Als Beispiel nannte sie die ehemalige Synagoge in Kobersdorf. „Dort spürt man, dass es einst ein blühendes jüdisches Leben gegeben hat. Ich bin sehr dankbar, dass die Synagoge in den vergangenen Jahren denkmalschutzgerecht instandgesetzt und saniert wurde“, so Prutscher.

Barbara Staudinger betonte die untrennbare Verbindung zwischen jüdischer und burgenländischer Geschichte. „Es gibt keine burgenländische Geschichte ohne jüdische Geschichte. Das ist unsere Geschichte, und das müssen wir vermitteln“, sagte die Historikerin. Gerade im Bildungsbereich komme der Vermittlung historischer Zusammenhänge eine zentrale Rolle zu. Neben Schülerinnen und Schülern müssten vor allem jene geschult werden, die Bildung weitergeben: Pädagoginnen und Pädagogen.

Einigkeit herrschte unter den Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmern darüber, dass Erinnerung nicht Selbstzweck sein dürfe. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit müsse helfen, aktuelle Entwicklungen zu verstehen und demokratische Werte zu stärken. Das Buch von Margaretha Kopeinig leistet dazu einen wichtigen Beitrag, indem es die Geschichte der jüdischen Gemeinden des Burgenlandes sichtbar macht und zugleich die Frage stellt, welche Verantwortung daraus für die Gegenwart erwächst.

Zum Herunterladen der Fotos klicken Sie auf die folgenden Links:

Buchpräsentation Jüdisches Burgenland 1
Buchpräsentation Jüdisches Burgenland 2
Buchpräsentation Jüdisches Burgenland 3

Bildtext Buchpräsentation Jüdisches Burgenland 1 & 2: Diskutierten über das jüdische Burgenland (v.l.): Moderatorin Barbara Tóth, Landesrat Heinrich Dorner, Historikerin und Direktorin des Jüdischen Museum Wien Barbara Staudinger, IKG-Vizepräsidentin Claudia Prutscher und Autorin Margaretha Kopeinig.

Bildtext Buchpräsentation Jüdisches Burgenland 3 (v.l.): Landesrat Heinrich Dorner mit IKG-Vizepräsidentin Claudia Prutscher, Autorin Margaretha Kopeinig, der Historikerin und Direktorin des Jüdischen Museum Wien Barbara Staudinger und Benedikt Föger, geschäftsführender Gesellschafter Czernin Verlag, bei der Buchpräsentation im Jüdischen Museum in Wien.

Eisenstadt, 24. Juni 2026

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