Der Neusiedler See ist nicht nur ein wertvoller Naturraum, er birgt auch viele Ressourcen. Zwei davon - Schilf und Sedimente – fallen durch die Bewirtschaftung, aber auch durch Erhaltungsmaßnahmen an und werden zumeist als Abfall betrachtet. Ein Forschungsprojekt von Seemanagement Burgenland, TU Graz und Ceramico Burgenland soll diese Sichtweise ändern. „Unser Ansatz ist es, Schilf und Sedimente des Neusiedler Sees nicht als Abfall, sondern als wertvolle regionale Ressource zu betrachten und neue Möglichkeiten für ihre nachhaltige Nutzung zu entwickeln“, erläuterte der Geschäftsführer der Forschung Burgenland, Martin Zloklikovits. Ein Ergebnis der Forschungskooperation ist nun in Winden am See im Freilichtmuseum Wander Bertoni sichtbar: Aus Sediment und Schilf entstand ein begehbarer „Schilfraum“. „Als jemand, der selbst aus der Region kommt, weiß ich, wie eng der Neusiedler See mit unserer Landschaft, unserer Identität und unserem Leben verbunden ist. Gleichzeitig stehen wir vor der Herausforderung, mit den natürlichen Ressourcen unserer Region verantwortungsvoll und nachhaltig umzugehen. Mit dem Projekt Schilfraum zeigen wir, dass auch in bislang wenig genutzten Materialien wie dem Sediment des Neusiedler Sees großes Potenzial steckt“, betonte Landesrätin Daniela Winkler.
„Besonders freut mich, dass durch die Zusammenarbeit von Forschung Burgenland, Seemanagement Burgenland und TU Graz aus einer Idee zur Kreislaufwirtschaft ein konkretes, innovatives Forschungsprojekt entstanden ist. Der Schilfraum macht eindrucksvoll sichtbar, wie regionale Ressourcen, Wissenschaft und junge kreative Köpfe zusammenwirken und neue Perspektiven für nachhaltiges Bauen und regionale Wertschöpfung eröffnen können“, so Winkler.
Wenn man über Forschung und Innovation spricht, denken viele zunächst an Labore, Hightech und neue Technologien. „Für uns bei Forschung Burgenland beginnt Innovation aber oft mit einer einfachen Frage: Welche Ressourcen haben wir direkt vor unserer Haustür, und wie können wir sie besser nutzen? Genau diese Frage stand am Anfang dieses Projekts“, berichtete Zloklikovits.
Aus dieser Überlegung entstand gemeinsam mit dem Seemanagement Burgenland und der TU Graz und der Ceramico Burgenland eine Forschungskooperation. Untersucht wurde, wie sich Sedimente als Ausgangsmaterial für neue Baustoffe nutzen lassen: „Besonders spannend ist dabei der Einsatz moderner Fertigungstechnologien wie des 3D-Drucks, der regionale Rohstoffe mit innovativer Materialforschung verbindet. Was mich besonders freut, ist, wie sich aus dieser ursprünglichen Forschungsfrage etwas Größeres entwickelt hat“, hob der Forschung Burgenland-Geschäftsführer hervor.
Durch die Zusammenarbeit mit dem Institut für Architektur und Medien der TU Graz und die Einbindung der Studierenden entstand aus den Materialexperimenten schließlich der Schilfraum. Damit gelang es, Forschung aus dem Labor herauszuholen und für die Menschen sichtbar und erlebbar zu machen. Die Installation zeigt, welches Potenzial in Schilf und Sediment steckt und was durch die Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen entstehen kann.
Einen wesentlichen Ausgangspunkt bildet unter anderem das EU Interreg Forschungs-Projekt REVALUE, das innovative Lösungen für die Verwertung bislang problematischer kommunaler Stoffströme und eine stärkere Materialzirkularität im grenzüberschreitenden Räumen zum Ziel hat. Im Rahmen des Projekts werden neue Verwertungsansätze für regionale Reststoffe und mögliche Anwendungen für nachhaltige Produkte und Baustoffe untersucht.
Ein innovativer Ansatz ist dabei die Verarbeitung des Materials mittels 3D-Druck. Am Institut für Architektur und Medien der TU Graz wurde das Sediment im ShapeLAB für die digitale Fertigung aufbereitet. Unterschiedliche Materialmischungen, Druckparameter, Geometrien und Wandstrukturen wurden erprobt. Untersucht werden unter anderem Trocknung, Schrumpfung, Rissbildung, Formstabilität und Oberflächenqualität. Neben reinem Sediment wurden auch Mischungen mit Schilffasern getestet.
Aus der Materialforschung entsteht der „Schilfraum“
Aus der Forschungskooperation entwickelte sich schließlich die Idee, die beiden charakteristischen Materialien des Neusiedler Sees – Sediment und Schilf – gemeinsam zum Ausgangspunkt eines architektonischen Experiments zu machen.
Im Master Studio „Material Tectonics“ beschäftigten sich 18 Studierende der TU Graz mit der Frage, wie diese unmittelbar aus der Landschaft stammenden Materialien durch digitale Fertigung, Materialexperimente und konstruktive Entwicklung neue Anwendungen in der Architektur finden können. Aus unterschiedlichen Entwürfen wurde der „Schilfraum“ ausgewählt und am Gelände des Freilichtmuseums Wander Bertoni in Winden am See realisiert.
Der Gedanke dabei: Schilf formt einen begehbaren Raum. In seinem Inneren werden die Ergebnisse der Materialforschung mit Sediment und Schilf präsentiert: Unterschiedliche Geometrien sowie gebrannte und ungebrannte 3D-gedruckte Elemente zeigen das Potenzial dieses bislang wenig genutzten Rohstoffs. Der „Schilfraum“ verbindet damit regionale Kreislaufwirtschaft, Materialforschung, digitale Fertigung und Architektur. Er zeigt anschaulich, was entstehen kann, wenn vorhandene regionale Ressourcen neu gedacht werden – und macht Forschung rund um die zukünftige Nutzung der Materialien des Neusiedler Sees für die Öffentlichkeit unmittelbar erlebbar.
Zum Herunterladen der Fotos klicken Sie auf die folgenden Links:
Projekt Schilfraum 1
Projekt Schilfraum 2
Projekt Schilfraum 3
Projekt Schilfraum 4
Bildtext Projekt Schilfraum 1: bei der Vorstellung „Projekt Schilfraum – Bauen mit den Materialien des Neusiedler Sees“, vlnr.: Britta Nader (Forschung TU Graz), Milena Stavric (Forschungsleiterin TU Graz), Matej Lukajic (Student, Designer des Pavillons, TU Graz), Landesrätin Daniela Winkler, Urs Hirschberg, Institutsleitung IAM (Institut für Architektur und Medien, TU Graz), Zeno Stanek (Freilichtmuseum Wander Bertoni), Martin Zloklikovits (Geschäftsführer Forschung Burgenland).
Bildtext Projekt Schilfraum 2 und 3: In Winden am See wurde am Donnerstag das „Projekt Schilfraum – Bauen mit den Materialien des Neusiedler Sees“ präsentiert.
Bildtext Projekt Schilfraum 4: Landesrätin Daniela Winkler spricht bei der Pressekonferenz.
Bildquelle: Büro Landesrätin Winkler/Christoph Novak
Eisenstadt, 09. Oktober 2026
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