Bauliche Gestaltung der Synagoge Kobersdorf

Erscheinungsform des Gebäudes

Detail aus einer Ansichtskarte von KobersdorfTrotz intensiver Suche in verschiedenen Archiven muss davon ausgegangen werden, dass von der Synagoge Kobersdorf keine originalen Baupläne mehr vorhanden sind. Fest steht, dass es sich beim jetzigen Standort in der Schlossgasse 25 an der Nordwestseite des Schlosses um ehemalige Obstgartenparzellen handelt, auf welchen nach dem Abbrennen des alten Tempels ein neuerer und größerer Tempel errichtet werden sollte. Die Architektur des freistehenden Gebäudes stellt ein gutes Beispiel für den Synagogenbau im 19. Jahrhundert dar. Es ist im Stil des Historismus errichtet worden und weist maurisch-byzantinische Details an den Außenfronten und weite Rundbogenfenster auf. Bei dem Gebäude handelt es sich um einen neoromanischen Bau mit Satteldach und rechteckigem Grundriss. Die für die jüdische Religion vorgeschriebene Ausrichtung nach Osten konnte nicht exakt eingehalten werden, da sich die Lage der Synagoge am Straßenverlauf orientiert.

Die Vorhalle des ehemaligen Gebetshauses kann sowohl durch einen Haupteingang als auch durch einen Seiteneingang, der den Männern vorbehalten war, betreten werden. Im Eingangsbereich befindet sich das Waschbecken und von hier aus gelangt man weiter in den Betraum der Synagoge. Die an drei Seiten angeordnete Frauenempore kann nur durch einen Seiteneingang und über eine Wendeltreppe erreicht werden.

Die derzeitige Färbelung der Außenfassade, das sogenannte „Schönbrunner Gelb“ bekam die Synagoge möglicherweise um das Jahr 1910. Es handelt sich dabei jedoch nicht um die ursprüngliche Farbe. Bei der Eröffnung im Jahre 1860 dürfte die Farbgebung aus einem hautfarbenen Rosa mit Terrakotta-Verzierungen bestanden haben. Im Inneren scheinen sich die Farbkombinationen abgewechselt zu haben. Es ist davon auszugehen, dass wir im Zuge der Sanierungsarbeiten erste genauere Aufschlüsse darüber erhalten werden.

1860-1994

Nach der Eröffnung des Gebetshauses galt dieses lange Zeit als Mittelpunkt des jüdischen Lebens in der Gemeinde Kobersdorf. Belege aus dem Burgenländischen Landesarchiv zeugen davon, dass die Synagoge Mitte der 1920er Jahre eine elektrische Beleuchtung in Form von Kerzenlampen und einer Außenbeleuchtung über dem Tempeleingang erhalten hat. Außerdem liefern historische Quellen Hinweise darauf, dass früher auf dem Grundstück ein Nebengebäude stand. Da der Standort der „Mikwa“, des rituellen Tauchbades der Juden, nicht bekannt ist, gehen Überlegungen in die Richtung, dass dieses sich etwa im Nebengebäude befunden haben könnte.

Im Laufe der Zeit verlor die Kultusgemeinde zusehends jüdische Mitglieder und somit auch ihre Steuerzahler und Spendengelder. 70 Jahre nach ihrem Bau bedurfte die Synagoge jedoch einer grundlegenden Renovierung. Da die finanziellen Mittel zu diesem Zeitpunkt nicht zur Verfügung standen, wurden einige kleine Reparaturen vorgenommen. Doch einige Jahre später kam die Kultusgemeinde nicht umhin ein Darlehen aufzunehmen.

Während der Kriegsjahre blieb das Gebäude zumindest äußerlich in einem nahezu unveränderten Zustand. Es kam jedoch zu einem Totalverlust der Innenausstattung des Hauptraums und auch Fenster und Türen wurden zerstört. Darüber hinaus konnte weder der Verbleib der Kultgegenstände noch der wertvollen Einrichtungsgegenstände (z.B. Decken– und Wandleuchter) völlig geklärt werden. Fest steht, dass der Thoraschrein und die Bänke zur zweckentsprechenden Benützung der Räume für die Turnübungen der SA entfernt wurden. Der Thoraschrein etwa störte die SA angeblich beim Turnen und wurde kurzerhand zerstört und entfernt. Die Weihetafel („Schiwiti-Tafel“) wurde auf dem Dachboden des Nachbarhauses gefunden.

Nach dem Krieg ging das leerstehende Gebäude im Jahr 1948 an die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG Wien) über. Jahrzehntelang war das Denkmal dem fortschreitenden Verfall preisgegeben, bis 1974 ein Teil des Daches einstürzte. Daraufhin stellten das Bundesdenkmalamt und die Burgenländische Landesregierung die finanziellen Mittel für die Notinstandsetzung des Daches bereit.

1994-2020Grundriss des Erdgeschosses der Synagoge

Im Jahr 1994/1995 erwarb der „Verein zur Erhaltung und kulturellen Nutzung der Synagoge Kobersdorf“ das Gebäude von der IKG Wien. Bis zum Jahr 1999 war die Finanzierung des neuen Synagogendaches sichergestellt. Es stellte sich heraus, dass es sich bei den originalen Dachziegeln um sogenannte „Wiener Taschen“ handelte. Der Verein suchte daraufhin nach handgeschlagenen „Wiener Taschen“ in der Größe der Originalziegel, aber leider fanden sich nicht ausreichend für die Eindeckung eines Daches von etwas über 423m2 Fläche. Zu guter Letzt wurde mit dem Ziegel „Wiener Tasche Steyr“ in Form einer Doppeldeckung gedeckt.

Im Zuge dieser Baumaßnahme ergaben sich zwei unliebsame Überraschungen. Der Dachstuhl wies größere Schäden als gedacht auf. So musste ein Träger – die Mauerbank –ersetzt werden. Darüber hinaus sorgte der seit fast 140 Jahren langsam angesammelte Taubenkot für eine Sensation. Dieser musste entfernt werden, weil die sich lösenden Säuren ansonsten in das Mauerwerk eingedrungen wären. Aus diesem Anlass beseitigte eine Spezialreinigungsfirma fast eine Woche lang knapp 13 Tonnen Taubenkot.

Neben der Sanierung des Dachstuhls wurden 1998/1999 auch die Dachrinnen und Fallrohre aus Kupfer erneuert. Die Substanz des Gebäudes war damit weitgehend optimal geschützt.

Anfang der 2000er Jahre stellte sich heraus, dass die mit der Dachsanierung beauftragte Dachdeckerfirma irrtümlich eine zu geringe Menge Dachziegel bestellte und die fehlende Menge einfach durch vier Paletten einer anderen, noch dazu fehlerhaften, Charge ergänzte. Trauriges Ergebnis war eine inhomogene Dachfläche, die allerlei Flecken und Figuren aufwies, deren eine noch dazu eine gewisse Ähnlichkeit mit der Form einer SS-Rune hatte. Nach Beratungen mit dem Bundesdenkmalamt wurde beschlossen, die fehlerhaften Ziegel auszutauschen und die neuen Ziegel verstreut über die gesamte Dachfläche einzudecken.

Zeitgleich mit dieser Maßnahme wurden statische Probleme am ehemaligen Gebetshaus festgestellt. Bei der Untersuchung des Deckengewölbes wurden Risse in den Gurtbögen und an den Ansätzen der daran angrenzenden Gewölbe konstatiert, was auf die fehlende Dippelbaumdecke im hinteren Bereich der Frauenempore zurückzuführen war. Bereits ein Jahr darauf (2003) konnte die Dippelbaumdecke zwischen der Frauenempore und den Vorräumen wiederhergestellt werden.

Die Synagogenfenster wurden im Jahr 2002 begutachtet. Angestrebtes Ziel war die Sanierung der Fenster eines nach dem anderen, so wie es die finanziellen Mittel zulassen. Es stellte sich heraus, dass diese zu den aufwendigsten Sanierungsmaßnahmen zählen, auch deshalb, weil die Anordnung der farbigen Glasflächen von einem zum anderen Fenster variieren.

Die Verantwortlichen versuchten in der Folgezeit, die erforderlichen Eigenmittel für weitere Sanierungsmaßnahmen zu lukrieren, scheiterten dabei aber und waren gezwungen, die Erhaltungs- und Restaurierungsarbeiten vorläufig einzustellen. Im Mai 2019 übernahm das Land Burgenland sämtliche Verpflichtungen im Zusammenhang mit der Synagoge Kobersdorf.