„Viele Gesichter, aber ein Ich“
Man könnte sagen: er hat viele Gesichter, aber ein Ich.
Was ist aber überhaupt ein Ich?
Erst circa seit dem Jahr 1500, als Albrecht Dürer das wahrscheinlich erste Selbstporträt der Kunstgeschichte malte, gibt es das Ich in der Kunst. Vorher gab es Malerei nur als Handwerk, als Vergöttlichungs- oder als Herrschaftsstrategie. Autoritratto nannten die Italiener das Selbstportrait, die Engländer und Franzosen sagten Portrait, und Konterfei hieß es zu den Zeiten Dürers auf Deutsch. Dieses deutsche Wort kommt wiederum aus dem französischen contrefait, nachgebildet, also dem Ich nachgebildet.
Was ist also ein Ich?
Was genau wurde da von Dürer erfunden?
Am Besten gefällt mir bis heute die berühmte Definition von Gertrude Stein, die einmal sagte: Ich bin ich, weil mein kleiner Hund mich kennt.
Das Ich beschäftigt jedenfalls seit Dürers Erfindung die Theorie. Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann nennt das Ich eine Fabrik der Identitäten, mit unzähligen Möglichkeiten, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben. Ich denke, wir wissen alle nur zu gut - und der Künstler weiß es vielleicht am Besten - , wie schwer so eine Identitätsarbeit ist und wie erschöpfend es ist, man Selbst zu sein. Und ich glaube, wir alle wissen auch, welche Möglichkeiten es gibt, dieser Anstrengung zu entfliehen. Jedenfalls gelang es Dürer erst mit Hilfe solcher Gedanken, sich selbst zu finden, zu er - finden.
Ein Bild von sich selbst entstand.
Das Ich entsteht immer im Zusammenspiel von Individuum und Gesellschaft. Wenn wir wissen wollen, wer wir sind, sind wir also auf die Kunst angewiesen, wenn wir nicht ausschließlich unseren kleinen Hunden trauen wollen. Die Kunst sucht eine Antwort auf das Ich in ihrer Zeit, und gibt damit der Zeit ein Gesicht.
Dieses Ich wurde zu allen Zeiten immer wieder neu erfunden, oft als Auflehnung gegen herrschende Verhältnisse. Die Renaissancetheoretiker wie Leon Battista Alberti lehnten sich mit ihrem nüchternen Blick gegen das vereinnahmende Wir der Kirche auf, und die Künstler der Renaissance, wie Albrecht Dürer, gaben dieser Auflehnung ein Gesicht, eine Konterfei, ein autoritratto.
Dieses System erleben wir in allen Epochen.
Zur Zeit der Jahrhundertwende formuliert etwa Sigmund Freud die Zeitgeistqualitäten neu, und das Gesicht dazu kommt von expressiven Künstlern wie Edvard Munch oder Egon Schiele.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, einer ausgesprochenen Wir – Zeit, einer Zeit des kollektiven Wahns - wird das Ich wiederum als Symbol der Ablehnung dieses Wahns durch Personen wie Albert Camus neu entdeckt, und durch Künstler wie Francis Bacon oder Lucien Freud kommt das Gesicht dazu.
In dieser Tradition müssen wir die Auseinandersetzung mit dem Gesicht – sei es das eigene oder das Gesicht anderer, fremder Menschen, die ja immer auch Ichs sind, sehen.
Heute und Hier sehen wir Gesichter unserer Zeit. Es sind Gesichter von Wilfried Ploderer.
Es sind fremde und bekannte Gesichter unserer Gegenwart, schöne, teilweise verstörende Ichs, handwerklich meisterlich gemalt, und es sind auch Spiegel, in denen wir uns selber erkennen können.
Arch. Klaus - Jürgen Bauer

