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Stelzengeher - von Paul Mühlbacher © Land Burgenland

Dr. Eva Maltrovsky zum Künstler Paul Mühlbauer

Eine Familie, wohl beim Sonntagsspaziergang, der Vater die Hände auf den Rücken gelegt, in leicht vorgeneigter Haltung, die Mutter die Handtasche unter den Arm geklemmt, das bebrillte Mädchen die Fäuste brav in den Taschen und der Bub legt den Finger an den Mund – psst - es heißt sich zusammennehmen.  ...............

Einem weinenden Mädchen kullern nur so die Tränen aus den Augen, die runde Stirn löst sofort eine Reaktion auf das Kindchenschema aus – süß - die dünnen Beine in verzweifelter X-Stellung stecken im breiten Schaft bunter Gummistiefel. Eine Dame in Stöckelschuhen, Minirock und hochgesteckter Frisur führt ein Auto an der Leine äußerln und die aufgereihte Fußballelf ist ein optischer Gewinn, auch wenn sie aus Verlierertypen besteht. Ein Bewegungsmelder aktiviert beim Vorbeigehen der Betrachter das Erklingen der Bundeshymne und die Aufschrift des Teams des Gastgeberlandes verkündet: „We loose for You“. Menschliche Situationen aus dem Alltagsleben – immer mit einer Pointe, feiner Ironie oder satirischem Stachel.
Was am ersten Blick beim Betreten des Ateliers schon alleine durch die bunten Farben lustig und fröhlich wirkt, wie Sammelfiguren in Überraschungseiern und Cerealien für Kinder, zeigt bei näherer Betrachtung viel Witz, Hintergründigkeit bis hin zum Zynismus, der sich erst nach und nach entschlüsselt. Vor allem die little creatures, Figuren von ca. 10-35 cm, wirken zunächst wie Spielzeug. Ihr Gewicht im wahrsten Sinn des Wortes enthüllen sie, wenn man sie in die Hand nimmt. Sie sind überraschend schwer, handelt es sich doch um Bronzegüsse, die aufwändig und liebevoll mit Metallfarben bemalt sind. An dieser Materialität zeigt sich schon die erste Spannung, in der sich die Plastiken Paul Mühlbauers bewegen. Die Gediegenheit der Bearbeitung und die Schwere des Materials stehen in Kontrast zur Leichtigkeit der Wirkung, die tatsächlich häufig in springenden oder schwebenden Figuren visualisiert wird.

Diese Leichtigkeit besitzen auch die größeren Figuren - so steht das Weinende Mädchen in der Größe von 90 cm als Brunnenfigur im von Paul Mühlbauer gestalteten Skulpturenpark Süd. Die luftige Höhe des Stelzengehers beträgt 4m.
Sehr detailreich gearbeitet, zeugen die Arbeiten von großer Beobachtungsgabe und Sinn für Humor. Die Körperhaltungen, die Mimik, die Gesten, die Frisuren, der Faltenwurf der Kleidung, die Gummistiefel zeigen die Liebe zum Detail. Trotz der figuralen Formen und der Aufmerksamkeit gegenüber relevanten Gegenständlichkeiten, wie Gesten oder Mimik, entdeckt man immer wieder auch großzügig gearbeitete Partien oder ganze Plastiken, die wie schnell aus Modelliermasse gedrückt wirken und somit den Charakter des Skizzenhaften, Flüchtigen bekommen. Wobei in der expressiven Entwurfhaftigkeit immer Proportionen und Bewegung „sitzen“. So wirkt die Serie du kathi (Zweiräder) auf den ersten Blick wie kindlich geformte Plastilinmodelle, die sich aber mit einem gekonnten Ausdruck des Wesentlichen, mit gleichzeitigem Detailreichtum und einer Fülle von Varianten auszeichnen. Anzumerken ist, dass alle Plastiken in einer limitierten Auflage jeweils handcoloriert sind und die Farbverwendung bei den einzelnen Objekten variiert.
Eine inhaltliche Ambivalenz findet sich häufig bei erotischen Themen, wie bei Zwerg Bumsti, wo sich hinter dem ersten Eindruck sexueller Herausforderung Misslust verbirgt und man entdeckt, dass die Figur in einer Zwangsjacke steckt.
Philosophisch wird es bei waiting, wo Paul Mühlbauer gleichzeitige Zeitabläufe auf verschiedenen Ebenen darstellt: ein alter Mann wartet auf den Tod und eine Katze auf den Maulwurf, den sie fressen möchte.
Paul Mühlbauer schloss ein Volkswirtschaftsstudium (Nationalökonomie) ab und studierte auch Soziologie und Politikwissenschaft. Nach Studienabschluss 1991 wendet er sich der intensiven Beschäftigung mit der Bildhauerei zu. Im Katalog, der Arbeiten von 1990 – 1998 dokumentiert, schreibt er in seinem Lebenslauf: „Der wichtigste Schritt in meinem Leben war die Überwindung der Angst, ausschließlich das zu tun, für das ich mich berufen fühlte….“, nämlich sich der Bildhauerei zuzuwenden. Mittlerweile bestätigen seine Erfolge, dass er sich richtig entschieden hat. Er stellt in San Francisco, Los Angeles, New York, Arnheim, den Haag, Hongkong, und vielen anderen Ländern aus. Skulpturen befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen in Nordamerika, Westeuropa und Asien.
Paul Mühlbauer wird von den Galerien Sous Terre in Amsterdam und State of the Arts Gallery in Hongkong vertreten. Prominente Kunstmessen wie ART Miami, Palm Springs International Art, oder Primavera in Rotterdam sind nur einige Orte, an denen Paul Mühlbauers Arbeiten vertreten sind.

Paul Mühlbauer sagt, dass er sich nicht bewusst an bestimmten Vorbildern orientiere. Die dünnen langgestreckten Figuren mit den bewegten Oberflächen fordern jedoch dazu heraus, Beziehungslinien zu Alberto Giacometti (1901 – 1966) zu ziehen. Der Hang zum Grotesken, Skurrilen lässt an Franz Xaver Messerschmidts Serie Charakterköpfe denken. Weites ist darauf zu verweisen, auch wenn es keine expliziten Bezüge gibt, dass bunte, miniaturhaft figurale Darstellungen auch bei dem in Wien und Köln lebenden Thomas Stimm (geb. 1948) zu finden sind. Die kleinen Plastiken von Thomas Stimm – er arbeitet im Gegensatz zu Mühlbauer in Keramik, Aluminium oder Polyethuran– bilden Alltagsidyllen nach. Er formt auch Riesenpflanzen, Blumen und Früchte.
Die eigenwillige Abbildung der Natur kennzeichnet Stimms Werk seit beinahe 40 Jahren: anfangs riesige Papiermaché-Landschaften, in denen Menschen Platz fanden, dann kleine Alltagsidyllen aus Ton von Hand geformt, wie auch die späteren Löwenzähne und Gänseblumen aus Aluguss. Was andere strikt aus ihrer bildnerischen Arbeit heraushalten wollen, nämlich Gefühle und Sentiments, sind das Salz seines Darstellens. Stimm kapriziert sich auf Landschaften, auf Baumgruppen und Wanderwege oder darauf, was sich an einem Badesee oder auf einem Friedhof tut.

Sowohl bei Paul Mühlbauer als auch bei Thomas Stimm finden sich Zitate einer kindlichen Formensprache:
Die eigenwillige Abbildung der Natur - Ich habe meine ersten Blumen meiner damals 4-jährigen Tochter abgeschaut - kennzeichnet Stimms Werk seit beinahe 40 Jahren.

Auch wenn man sich nicht bewusst auf Vorbilder bezieht, hängt man als Künstler nicht im luftleeren Raum, sondern ist eingebettet in ein kulturgeschichtliches Umfeld, das seinen Niederschlag findet. Bewusste Referenzen auf die Kunst- und Mediengeschichte finden sich bei Paul Mühlbauer in der Serie rats, die ab 1995 entsteht. In Eine kleine Nachtmusik (1998) sitzt eine Ratte auf dem Ready-made einer Erntegold – Gemüsedose. Noch eindeutiger werden die Referenzen, als 2002 bei auguste tatsächlich Warhols Campbell Soup und die Denkerpose August Rodins die Skulptur konstituieren.
Die Ratten zitieren die französischen kultur- und gesellschaftskritischen Undergroundcomics von Ptiluc, die mit literarischen, kulturgeschichtlichen und philosophischen Bezügen arbeiten und beißende Satiren voll mit schwarzem Humor entwerfen.
Die traditionelle Plastik und Skulptur ging zunächst von der Figur und der geschlossenen Form aus. Ab 1960 kommt es unter dem Einfluss von Minimal Art, Fluxus und Objektkunst verstärkt nicht nur zu einer Erweiterung des Skulpturenbegriffes, sondern auch zur Einbeziehung neuer Werkstoffe bzw. zu medien- und spartenübergreifenden Arbeiten. – Die Ready-mades Duchamps lassen natürlich einen freieren Umgang mit der Skulptur bereits früher ansetzen. Begrifflich zu unterscheiden sind raumbezogene Arbeiten in der bildenden Kunst als „Plastik“ und „Skulpturen“, die sich aus einem geometrischen bzw. abstrakteren Formengefüge konstituieren bis zur „Objektkunst“ und „Installationen“. Streng genommen ist die Art der Produktion ausschlaggebend, ob man von Sklulpturen oder Plastiken spricht. So kommt der Begriff „Skulptur“ von lat. sculpere , was „schnitzen, bilden, meißeln“ bedeutet. Es handelt sich also um ein subtraktives Verfahren, indem eine Form durch Meißeln, Aushöhlen oder Schnitzen entsteht, Ausgangspunkt ist ein Block von festem Material wie Holz oder Stein. Eine Plastik entsteht durch additives Verfahren, das heißt, eine Form entsteht durch Modellieren eines weichen Materials wie etwas Ton oder Modelliermasse, die eventuell später die Positivform für einen Abguss bildet. Bei Paul Mühlbauers Arbeiten handelt es sich also um Plastiken.

Bemerkenswert ist nun, wie Paul Mühlbauer verschiedene Ansätze integriert und gedanklich weiterentwickelt. So greift er die Idee des „Ready-made“ insofern auf, als er bei seinen Modellen, die später für die Negativform des Abgusses dienen, reale Gegenstände einfügt. Faltenwürfe werden tatsächlich mit Stoff drapiert, Gummistiefel den Mädchenbeinen übergezogen, Ohren von einer Schaufensterpuppe genommen, Holz, Kunststoff, Eisen oder Wachs ergeben einen Materialmix, der später zum Bronzeguss gewandelt wird. Seit Ende des 19. Jahrhunderts, vor allem beeinflusst durch die Erfindung der Fotografie, entfernt man sich in der bildenden Kunst von der Intention des Abbildes, andere Fragestellungen interessieren mehr. Im Bereich der Bildhauerei ist es wohl das Ready-made, der vorgefundene Gegenstand, der ein rein bildhauerisches Nachbilden ad absurdum führt. Paul Mühlbauer sagt zu Recht: „Wozu nachbilden, wenn es bereits vorhanden ist?“ Paul Mühlbauer bleibt aber nicht beim Ready-made stehen, immerhin ist Duchamps Flaschentrockner bereits vor beinahe 100 Jahren – 1914 – bereits klassische Moderne, so nachhaltig es sich auch bis heute auswirkt. Er arbeitet daran weiter, transformiert den Ready-made-Gedanken, was zur Irritation der Betrachter führt. Die bunt-lackierten Abgüsse der Gummistiefel etwa sehen den Originalen täuschend ähnlich, erst beim Angreifen merkt man, dass es sich um Bronze handelt. Besonders frappant sind die integrierten Spielzeugfiguren (etwa von einer Fastfoodkette), die Güsse werden in den Originalfarben lackiert und weisen eine täuschende Ähnlichkeit zu den Referenzobjekten auf. In dieser Rückführung des Materials über den Umweg des Ready-mades zeigt sich eine Position, die eine kunstgeschichtliche Genese nachzeichnet und anschließend verwandelt.
Genauso spiegelt sich ein kunstgeschichtlicher Entwicklungsprozess im Materialmix der Modelle. Hier zeigt sich die gewandelte Auffassung von Werkstoffen, die die Bildhauerei im 20. Jahrhundert weg führte vom klassischen Stein, Holz oder auch Bronze. Über den Umweg dieses Materialmixes wird Bronze wieder zu etwas völlig Neuem, denn auch der Betrachter muss einen weiteren Erkenntnis- und Wahrnehmungsweg einschlagen und wird letztendlich überrascht. So wird das Material Bronze zu einer zusätzlichen Pointe, die den ikonisch-sematischen Witz formal-ästhetisch weiterführt.
Überdies lässt Bronze Umsetzungen zu, die anders nicht machbar wären. So verleiht es selbst dünnen Elementen Stabilität, sodass beinahe schwebende Figuren Schwerelosigkeit suggerieren.
Ein weiteres Moment bei Paul Mühlbauer ist die Einführung von Standbildfolgen. Die Bedingungen der Plastik, die zwar Simultanität aber nicht Sukzessivität ausdrücken kann, werden überwunden durch das Comic-Konzept von Bildfolgen wie in No more gravity eines schnurspringenden Mädchens.
Die Materialität wird aber nicht nur bezüglich des Gewichtes ausgetrickst, sondern auch Schatten als immaterielles Element der Gegenstände spielen immer wieder eine nicht unwesentliche Rolle.

Insgesamt stellen die Plastiken Paul Mühlbauers eine ästhetisch spannende und anregende Position dar, die gleichzeitig viel Vergnügen bereitet.

Eva Maltrovsky