Judith Horvatits - „Ich stelle mich selbst“
Für die Werbewirkung der Bilder soll nichts dem Zufall überlassen werden. Auch Judith Horvatits beseitigt den Zufall aus ihren Bildern. Ihre Malerei ist die Projektion ihres Standpunktes.
Ihre Bildmotive stammen aus der digitalisierten Welt des Internets und ihrer eigenen Schnappschüsse. Dabei inszeniert sie neuerdings selbst das Geschehen vor der Kamera. Einerseits benutzt Horvatits das fotografische Material als Dokument, um sich der historischen Wahrheit der Ereignisse zu versichern, andererseits entspringt die malerische Rekonstruktion der Ereignisse in ihrem Atelier in Unterpetersdorf einer Inszenierung des Alltags als „tableau vivant“. Es ist der Versuch, den bewegten Moment in totaler Unbeweglichkeit einzufrieren. Während der Arbeit löst sich Horvatits von der fotografischen Vorlage, und – wie beim Film – projiziert sie Farbschicht um Farbschicht auf die Leinwand.
Maurice Merleau-Ponty beschreibt den Unterschied im Entstehungsprozess zwischen Malerei und Fotografie folgendermaßen: „Die Fotografie hält die Augenblicke offen, die das Vorwärtstreiben der Zeit sofort wieder schließt, sie zerstört das Überschreiten, das Ineinandergreifen, die Metamorphose der Zeit, die die Malerei sichtbar macht, weil die Pferde die Bewegung ‚von hier nach dorthin’ in sich haben, weil sie einen Fuß in jeden Augenblick setzen.“
Es ist der Zufall des Augenblicks, der die Essenz der Fotografie ausmacht. Der Zufall verhindert nicht die Identifizierung der Personen und Orte, er zerstört aber die Individualität des Dargestellten, oder – wie Merleau-Ponty sagt – das, was „die Metamorphose der Zeit“ aus uns und aus den Landschaften macht.
Aus dem Reservoir ihrer digitalen Bildmotive, wählt Horvatits diejenigen aus, die von einer Kamera aufgenommen wurden, wobei diese die Protagonisten wie eine geduldige Hyäne umkreist. Es geht Horvatits nicht um den abgebildeten Ort oder die Menschen, sondern um das Verhältnis der Menschen zueinander. In ihren Bildern sind die individuellen Züge der Landschaften und Gesichter ausgelöscht. Dazu sagt Horvatits: „Die Dargestellten sind mir egal. Es geht nur um mich. Ich stelle mich selbst“.
Die Landschaften, in denen ihre Helden die Erfüllung finden, wiederholen die endlose Küstenlinie Edward Munchs und reichen bis in die glitzernden Swimmingpools von David Hockney. Neben diesen Malern zählt Horvatits Peter Doig zu ihren Vorbildern. Doig bezeichnete einmal seine Kunst als "abstract expressionism on acid". Auch Horvatits Kunst verrät viel über ihren eigenen Seelenzustand. Wie Doig arbeitet Horvatits mit Mustern. Aber anders als er verwebt sie ihren „All over“-Farbteppich nicht mit Schlieren, sonder mit verschiedenen Arten von Mustern. Glatte Flächen, insbesondere Wasseroberflächen, und die Köper der Menschen, ihre Kleider und ihre Haut, überziehen Linien, die wie die Einkerbungen auf Holzschnitten aussehen. Dinge, die das Licht nicht reflektieren, bleiben von diesen Einkerbungen unberührt. Nach Alexander Kluge sind die Dinge im Film „kristallisierte Augenblicke“. Es sind dies Elemente von Fotografien, die ihre zufällige Präsenz bewahrt haben und so in Horvatits Bildern die Funktion von Füllmaterial, von Ornamenten übernehmen.
Auf manchen Bildern Horvatits’ kann man geometrische Ornamente oder Camouflage-Motive erkennen, die sie selbst als „Tattoos“ bezeichnet, und die wie Gespenster ein Eigenleben zu führen scheinen. Sie können alle Gegenstände bedecken und erinnern an die Streitschrift „Ornament und Verbrechen“ von Adolph Loos, mit der sich Horvatits eingehend beschäftigt hat. Sie scheinen „dem Überschreiten, dem Ineinandergreifen, der Metamorphose der Zeit“, bzw. der Entwirklichung, Entstofflichung, Entleerung, die sonst in ihren Bildern herrschen, Widerstand zu leisten.
Aber sind nicht alle ihre Flächen zu glatt? Die Aufladung der absichtlich banalen Bildmotive mit Bedeutung funktioniert über die großformatige Hochglanzoberfläche. Die Bilder wirken dadurch zugleich abweisend und attraktiv.Die von Horvatits verwendeten Bildmotive rufen einen Film von Gus Van Sant in Erinnerung, der den unscheinbaren Titel „Gerry“ trägt. Er ist nach den beiden einzigen Protagonisten des Films benannt. Die Handlung dieses sehr langsamen und schönen Films ist schnell erzählt: Zwei Freunde (Matt Damon and Casey Affleck) verlaufen sich in der Wüste. Sie sind ohne Wasser, Nahrung und Landkarte unterwegs. Als beide entkräftet liegen bleiben, ermordet ein Gerry den anderen, und legt sich zum Sterben neben ihn. Die Zivilisation holt ihn in Form von Motorengeräuschen wieder zurück in den Alltag. Er überlebt.
Der Film von Van Sant wurde oft mit Samuel Becketts „Warten auf Godot“ verglichen. So taucht „das Ding“, das die Protagonisten in der Wüste besichtigen wollen, nie auf. Es wird auch nie beschrieben. Wie bei Beckett erscheinen die Figuren als eher lächerlich. Während sie ziellos umherwandern, drehen sich ihre Gespräche im Kreis. Auch die Figuren in Horvatits Bildern scheinen auf etwas Unbestimmtes zu warten. Sie befinden sich aber nicht in der Wüste, sondern sind im Gegenteil: sehr oft von Wasser umgeben. Ein Werbeplakat, d.h. wiederum ein Filmstill, von „Gerry“ zeigt die beiden Darsteller wie sie sich über den weißen Grund der Salzwüste schleppen. Judith Horvatits bedeckt diesen weißen Grund, ihre Leinwand, mit den leuchtenden Farben ihrer Stills. So als ob sie die Wüste vor unseren Augen verbergen möchte.
Sowohl der Film „Gerry“ als auch die Bilder von Horvatits beruhen auf authentischen Erfahrungen, die sich in Realzeit vor unseren Augen abspielen. Unter der Oberfläche des langweiligen Alltages schimmern die Dramen, die Komödien und der Terror des Lebens hindurch.
Der wahre Überlebende der Wüstenwanderung gab im Gerichtsprozess zu seiner Verteidigung an, er habe seinem Freund zusätzliches Leid ersparen wollen. Ein ähnliches Verhältnis zwischen den Menschen, von Mann und Frau, kann man auch in den Bildern von Horvatits erkennen. Ihre Bilder scheinen uns zu sagen, dass es keinen Grund gibt, auf die Gnade der Anderen zu hoffen.

